Interview des EA mit Lukas Kauflin
EA: Die FHNW kommt zum Schluss, dass gemietete Container bei einer Nutzungsdauer von zehn Jahren teurer wären als die heutige Unterbringung in Wohnungen. Wie beurteilen Sie dieses Ergebnis?
Wir nehmen die Erkenntnisse der Studie zur Kenntnis. Die zentrale Fragestellung unserer Initiative beantwortet sie jedoch nicht. Untersucht wird praktisch ausschliesslich das Modell einer für drei Jahre gemieteten Containeranlage in Glattfelden, dessen Kosten auf zehn Jahre hochgerechnet werden. Ob eine gekaufte Container- oder Modulbauanlage unter den Verhältnissen in Einsiedeln wirtschaftlicher wäre, bleibt offen.
Methodisch weist die Studie zudem erheblich Schwächen auf. Statt verschiedene Varianten, Anbieter und Finanzierungsmodelle zu vergleichen oder Sensitivitäts- und Szenarioanalysen vorzunehmen, stützt sie sich weitgehend auf ein einziges Modell. Auch die Aussagen zur Integration beruhen überwiegend auf Interviews mit gezielt ausgewählten Fachpersonen. Objektive Vergleichsdaten und empirische Kennzahlen fehlen weitgehend, weshalb zahlreiche Schlussfolgerungen auf Einzelpersoneneinschätzungen und nicht auf belastbaren Nachweisen basieren.
In der Initiative schreiben Sie, eine Containersiedlung werde mittel- und langfristig «sehr wahrscheinlich» günstiger ausfallen als der Status quo. Sehen Sie diese Erwartung durch die Studie widerlegt?
Nein. Die Studie widerlegt lediglich die Wirtschaftlichkeit einer gemieteten Übergangsanlage mit den Annahmen der Autoren. Unsere Initiative verlangt ausdrücklich eine vertiefte Prüfung und einen seriösen Kostenvergleich. Gerade dieser Vergleich eines Kaufmodells fehlt. Man fragt sich, ob die Auftraggeber der Studie Angst vor dem Ergebnis haben.
Die FHNW berechnet keinen Kauf von Containern, sondern überträgt die Kosten einer für drei Jahre gemieteten Anlage in Glattfelden auf zehn Jahre. Entspricht dieses Mietmodell überhaupt der Lösung, die Sie mit Ihrer Initiative angestrebt haben?
Keineswegs. Unsere Initiative schreibt kein Mietmodell vor. Im Gegenteil: Für eine mittel- und langfristige Lösung wäre zu prüfen gewesen, ob eine eigene Anlage wirtschaftlicher wäre. Diese zentrale Variante wurde nicht gerechnet. Eine weiter Lücke der „Studie“.
Für die Annahme, dass die Container nur zehn Jahre genutzt werden können, stützt sich die Studie auf die Einschätzung eines Fachplaners. Andere Anlagen werden deutlich länger genutzt. Halten Sie die gewählte Nutzungsdauer für überzeugend?
Im Gegenteil. Die Nutzungsdauer ist eine der gewichtigsten Annahmen der gesamten Wirtschaftlichkeitsrechnung. Wenn zahlreiche Modul- und Containeranlagen 20 Jahre oder länger genutzt werden, hätte die Studie mehrere Szenarien durchrechnen müssen.
Wird mit einer Nutzung über 20 Jahre gerechnet, liegt die Containerlösung kostenmässig ungefähr auf der Höhe des Status quo. Fordern Sie deshalb eine ergänzende Berechnung mit einer längeren Nutzungsdauer und konkreten Offerten für Einsiedeln?
Genau das wäre aus unserer Sicht eine seriöse Entscheidungsgrundlage. Wir erwarten konkrete Offerten mehrerer Anbieter sowie Berechnungen für unterschiedliche Nutzungsdauern und Finanzierungsmodelle anstelle einer einzigen etwas abenteuerlich hochgerechneten Modellannahme.
Der Holzmodulbau schneidet in der Studie günstiger ab als Wohnungen und gemietete Container. Wäre ein solcher Modulbau für Sie eine mögliche Umsetzung der Initiative, obwohl er keine klassische Containerlösung darstellt?
Unsere Initiative wollte eine kostengünstige zentrale Unterbringung prüfen und keine bestimmte Bauweise vorschreiben. Wenn ein Holzmodulbau dieses Ziel wirtschaftlicher erreicht, sollte auch diese Variante offen geprüft werden. Letztendlich wollen wir den Wohnungsmarkt für Einheimische verbessern.
Von den 154 durch den Bezirk untergebrachten Personen lebten 135 in Familien und nur 19 waren Einzelpersonen. Ihre Initiative nennt insbesondere alleinstehende männliche Asylsuchende. Ist für diese vergleichsweise kleine Gruppe eine eigene Anlage noch zweckmässig und wirtschaftlich?
Gerade für alleinstehende Personen erscheint eine zentrale Unterbringung sinnvoll. Ob dafür ausschliesslich Einzelpersonen oder zusätzlich weitere geeignete Personengruppen berücksichtigt werden, ist eine Frage der konkreten Umsetzung und müsste sorgfältig geprüft werden. Zudem ist das Zahlenwerk eine Momentaufnahme, mehr Einzelpersonen sind ein wahrscheinliches künftiges Szenario denkt man an die zahlreichen männlichen Einzelpersonen aus dem Maghreb, Somalia oder Afghanistan. Es dürfte auch so sein, dass die Einsiedler Behörden bevorzugt Familien vom Kanton übernehmen, denn laut SEM immigrieren weitaus mehr Einzelpersonen als Familien auf der Asylschiene.
Die Studie weist nicht konkret nach, welche Wohnungen durch 50 zentrale Unterbringungsplätze frei würden und ob diese danach tatsächlich als bezahlbarer Wohnraum für Einheimische zur Verfügung stünden. Genügt Ihnen die Untersuchung der Auswirkungen auf den Wohnungsmarkt?
Gut erkannt. Die Studie räumt selbst ein, dass dieser Nachweis nicht geführt wird. Gerade dieser Punkt war jedoch ein Kernanliegen der Initiative. Hier hätten konkrete Daten zum lokalen Wohnungsmarkt erhoben werden müssen.
Als mögliche Standorte nennt die Studie drei bezirkseigene Grundstücke. Fragen zur Zonenkonformität, zum Baugrund, zum Brandschutz und zu anderen Nutzungsansprüchen sind jedoch noch offen. Welchen Standort halten Sie für geeignet – und welche weiteren Abklärungen erwarten Sie?
Vor einer Standortfestlegung braucht es detaillierte technische und rechtliche Abklärungen. Dazu gehören u.a. Baugrund, Erschliessung, Zonenkonformität, Brandschutz, Erschliessungskosten sowie konkrete Kostenvoranschläge. Erst danach lässt sich seriös beurteilen, welcher Standort geeignet ist.
Der Bezirksrat möchte an der dezentralen Unterbringung festhalten und sieht bei gemieteten Containern voraussichtlich keinen Kostenvorteil. Halten Sie nach dem Studienergebnis unverändert an der Initiative fest, möchten Sie diese anpassen oder ziehen Sie einen Rückzug in Betracht?
Die Studie beantwortet aus unserer Sicht die zentrale Fragestellung der Initiative nicht, sie weicht eher aus. Statt zu prüfen, ob eine Containersiedlung den Druck auf den ohnehin äusserst knappen Wohnungsmarkt im Bezirk verringern könnte, beschränkt sie sich weitgehend auf einen Kostenvergleich. Der Kern des Anliegens bleibt damit unbeantwortet. Es entsteht der Eindruck, dass wesentliche Aspekte entweder bewusst oder mangels methodischem Handwerk ausgeklammert wurden. Die sehr tiefe Wohnungsverfügbarkeit für die einheimische Bevölkerung wird zwar erwähnt, in die eigentliche Beurteilung fliesst sie jedoch nicht adäquat ein.
Solange keine Berechnungen für eine langfristige Investitionslösung mit konkreten Offerten vorliegen, besteht kein Anlass, die Initiative zurückzuziehen. Vielmehr zeigt die Studie, welche Fragen noch offen sind und vor einem endgültigen Entscheid beantwortet werden sollten.